Das Thema im Jahr 2011:
Wissen
Alle Jahre wieder flackert die Diskussion um Bildung neu auf. Dabei wird ein ums andere Mal deutlich, dass Bildung nicht nur als eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben unbestritten wichtig ist, sondern geradezu als ein Allheilmittel für alle möglichen Arten von gesellschaftlichen Problemen gilt. Es gibt kaum etwas, was nicht durch sie ermöglicht werden soll: Bildung soll die sich wandelnden und tendenziell steigenden Qualifikationsanforderungen der Berufswelt bedienen und so dazu beitragen, dass Wirtschaftswachstum und Wohlstand gesichert werden. Durch Bildungsstreben und beruflichen Erfolg soll individueller Aufstieg in einer Leistungsgesellschaft ermöglicht werden. Bildung soll aber auch, jenseits wirtschaftlicher Gesichtspunkte, die Traditionen einer „Kulturnation“ weitertragen und allen sozialen Schichten den Zugang dazu eröffnen. Weiterhin wird Bildung als Vehikel angesehen, um die gesellschaftliche Integration — ganz grundlegend angefangen beim friedlichen Zusammenleben — zu befördern: Bildung soll zu zivilisierten Umgangsformen und wechselseitiger Toleranz beitragen. Noch anspruchsvoller ist schließlich die Hoffnung, dass Bildung aufklärerisch wirke und so den „mündigen Bürger“ hervorbringe, der sich in komplexen gesellschaftlichen Problemlagen unbeeindruckt von ideologischen Einflüsterungen sein unabhängiges Urteil bilde.
Auf diese hochgetriebenen Erwartungen folgt regelmäßig die tiefe Ernüchterung: Kann Bildung leisten, was sie verspricht, oder wird sie — allemal als alleiniger Faktor — nicht hoffnungslos überfordert, wenn man ihr all diese wohltätigen Wirkungen aufbürdet? Und die Ernüchterung mündet schnell in eine pauschale Abwertung der Bildung: Wenn sie unsere Erwartungen so enttäuscht und vielleicht auch strukturell enttäuschen muss — was kann sie dann noch wert sein? Resultieren denn überhaupt viele der genannten Problemlagen tatsächlich aus mangelnder oder vermeintlich veralteter Bildung? Um dies an aktuellen Extremfällen zu verdeutlichen: Ein vergleichender Blick auf die Jugendunruhen dieses Jahres in Spanien einerseits, England andererseits scheint die Zweifel zu nähren. In England wüteten die Bildungsversager, vielleicht sogar –verweigerer, in Spanien protestierten die Gebildeten. Erstere zertrümmerten in nicht artikulationsfähiger Wut ihre Wohnviertel, Letztere zogen ins öffentliche Zentrum der Hauptstadt und artikulierten dort wortreich ihre Forderungen. Die spanischen Jugendlichen sind enttäuscht, dass ihre Bildungsanstrengungen nicht honoriert werden; diejenigen, die in England auf die Straßen gingen, wussten für sich schon längst, dass Bildung sich nicht lohnt. Beide Gruppen signalisieren eine drohende oder bereits zum Teil vollzogene Aufkündigung des gesellschaftlichen Grundkonsenses, der sozialen Frieden an die Erreichbarkeit individuellen Wohlstands knüpft, der wiederum für Bildungsstreben versprochen wird. Das sind explosive Szenarien, die auch hierzulande nicht mehr völlig ausgeschlossen erscheinen.
Die diesjährigen Bremer Universitäts-Gespräche setzen an diesen Fragen an und suchen nach einem realistischen Verständnis dessen, was Bildung in der heutigen Gesellschaft zu leisten vermag. Vier Fragenkomplexe stehen im Zentrum der Erörterungen:
— Bildung wird gemeinhin als Aneignung von Wissen und Auseinandersetzung mit Wissen verstanden. Aber was ist ¸berhaupt Wissen? Welche Arten von Wissen gibt es? Und wie viel Nichtwissen gehˆrt zwangsl‰ufig dazu? Mit Wissen geht es zugleich um die Handlungsf‰higkeit von Akteuren, insbesondere Entscheidungstr‰gern, in komplexen organisatorischen und gesellschaftlichen Zusammenh‰ngen. Welche Bedeutung hat Wissen, was braucht man an F‰higkeiten im Umgang mit und der Produktion von Wissen, und was tut man in Situationen, in denen man weifl, dass man vieles Wichtige nicht weifl, aber gleichwohl verantwortlich handeln muss?
— Mit Blick auf die Bildungseinrichtungen — allen voran Schulen — m¸ssen wir uns vergewissern: ‹ber welches Wissen verf¸gen wir? Wie lernen wir das? Und welche Bedingungen erleichtern und erschweren dies? Angesichts der hohen Erwartungen, die die Politik neuerdings auch an die Bildungsforschung richtet, ist danach zu fragen, welche gew¸nschten Effekte von PISA und anderen Arten von Schulleistungstests auf den Unterricht und die Lernleistungen ausgehen, und wo sich Wirkungsgrenzen oder unerw¸nschte Wirkungen zeigen. Kann die Politik wirklich durch derartige verordnete Maflnahmen gezielt die Leistungsf‰higkeit des Bildungssystems erhˆhen?
— Fokussiert man auf Berufspraxis und den Beitrag, den Bildung zur erfolgreichen Bew‰ltigung beruflicher Anforderungen zu leisten vermag, stellen sich die Fragen: Welches Wissen brauchen wir? Was fehlt und was brauchen wir nicht? Hier kˆnnen Stellungnahmen aus der Praxis exemplarisch verdeutlichen, welches Spektrum an fachlichen Qualifikationen und erheblich breiteren ÑSchl¸sselkompetenzenì das heutige Berufsleben ausmacht. Dabei ist insbesondere auch zu erˆrtern, welchen Stellenwert nach wie vor das praktisch erworbene Erfahrungswissen hat, und wie es um immer wieder neu zu erwerbende Kenntnisse und F‰higkeiten im Sinne des Ñlebenslangen Lernensì steht.
— Jenseits dessen, welches Wissen wir zu brauchen scheinen und ¸ber welches Wissen wir verf¸gen, ist schliefllich auch zu entscheiden: Welches Wissen wollen wir? Und wie verst‰ndigen wir uns dar¸ber? Damit wird auch eine noch wenig offengelegte bildungspolitische Kontroverse aufgeworfen: Wie viel Akademisierung der Bildung — auch und insbesondere der beruflichen Bildung — ist eigentlich nˆtig und w¸nschenswert? Gibt es nicht auch unterhalb der Schwelle eines traditionellen verwissenschaftlichten Studiums zukunftstr‰chtige Bildungsangebote f¸r gehobene Berufslaufbahnen?
Zu all diesen Fragen werden zum einen Praktiker aus der Berufswelt ihre Erfahrungen berichten und reflektieren. Zum anderen werden Bildungsforscher und auch Bildungspolitiker empirische Erkenntnisse, theoretische Perspektiven und Fragen des politisch Gewollten zur Diskussion stellen. Die Anknüpfung an Praxisberichte soll sicherstellen, dass keine bloß wohlklingenden politischen Sonntagsreden geschwungen und auch keine abstrakten wissenschaftlichen Konzepte hin und her gewendet werden, sondern die Erörterungen Bodenhaftung behalten.
Am Ende werden sicher keine definitiven Antworten auf die aufgeworfenen Fragen stehen. Aber deren Reflexion aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, die miteinander ins Gespräch gebracht werden, könnte zu einem anderen Diskurs über das Bildungsthema führen. Jenseits des Pochens auf einem angeblich unantastbaren Bildungskanon und der opportunistischen Anpassung an irrlichternde Anforderungsartikulationen aus der Berufswelt gilt es, mit ruhiger Hand Kontinuität wie Flexibilität des gesellschaftlichen Bildungsauftrags gleichermaßen Rechnung zu tragen und auch den Zusammenhang von beruflicher mit allgemeiner Bildung nicht aus dem Blick zu verlieren.
Die Idee
Seit 1988 laden die Wolfgang-Ritter-Stiftung, die Universität Bremen und die Unifreunde zu den Bremer Universitäts-Gesprächen ein. Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie aus gesellschaftlich relevanten Gruppen beleuchten Themen, die für Wissenschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen bedeutungsvoll sind. Eine Schriftenreihe der Veranstalter dokumentiert die Gespräche für die Öffentlichkeit.
Die Veranstaltung
Die Veranstaltung beginnt üblicherweise am ersten Donnerstag im November mit einem öffentlichen Festvortrag in der historischen Stadtwaage. Beim anschließenden Empfang der Sparkasse Bremen haben die Klausurgästen Gelegenheit, zum kennen lernen und Gedankenaustausch.
Um den Gesprächen ungestörten Raum zur Vertiefung und für den Exkurs zu gewähren, werden die Gespräche am nächsten Tag in einer Klausuratmosphäre fortgesetzt. Kurze Referate vertiefen die im Festvortrag beleuchteten Themen, strukturierte Diskussionsrunden erörtern Querschnittsfragen und entwerfen Handlungsoptionen.
Ein abschließender Spaziergang durch das historische Bremen und der Besuch des traditionsreichen Ratskellers vermitteln den Gästen einen kleinen Eindruck hanseatischen Lebens.
Die Veranstalter
Die Wolfgang-Ritter-Stiftung wurde 1970 ins Leben gerufen. Sie trägt den Namen des früheren Inhabers der Martin Brinkmann AG und hat sich als gemeinnützige Stiftung privaten Rechts das Ziel gesetzt, die Wissenschaften, ihre Einrichtungen und den akademischen Nachwuchs zu fördern. Mit den Bremer Universitäts-Gesprächen eröffnete die Stiftung der Universität ein Forum, Themen und Meinungen in die Öffentlichkeit zu tragen, die weit über den akademischen Alltag hinausgehen.
Die Universität Bremen bietet heute in 12 Fachbereichen, mit mehr als 80 Studiengängen, etwa 20.000 Studierenden eine zukunftsorientierte Ausbildungsmöglichkeit.
Als Stätte der Forschung mit überregional bedeutsamen Schwerpunkten ist sie attraktiv für junge wie erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die rasante Entwicklung des Technologiepark Universität ist sichtbares Zeichen für den erfolgreichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.
Die Unifreunde, Gesellschaft der Freunde der Universität und der International University Bremen e.V. wurde 1961 und damit vor der Universität gegründet. Ihr Ziel ist es, die wissenschaftliche Forschungsarbeit zu unterstützen, vor allem, den Universitätsgedanken zu fördern. Mit ihren Veranstaltungen regt sie den Dialog zwischen der Wissenschaft und der Bevölkerung an.
Teilnahme
Eine Teilnahme ist nur nach vorheriger Einladung möglich.
Stand September 2011
Die vorhergehende Veranstaltung
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